Perfekt!

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Langsam bewegt sich der Blick aufwärts von der gusseisernen Halterung des Weihnachtsbaumes hin bis zur Spitze, an der zur Krönung soeben ein schöner strahlender Stern angebracht wurde. „Perfekt!“. Ein bisschen Stolz kann man da schon sein, wenn man so einen bunt geschmückten
Baum im warmen Wohnzimmer stehen hat. Am besten, wenn sich darunter noch die alte Krippe der Großeltern zwischen dem duftenden Moos einbetten kann und man durch das Fenster den langsam fallenden Schnee im Licht der Straßenlaternen erblickt. Doch auf einmal bricht ein lautes und schrilles Pfeifen in die heilige Ruhe. Der Rauchmelder aus der Küche! Der Ofen wird ausgeschaltet, die Fenster aufgerissen und die verkohlten Weihnachtsplätzchen mit großer Enttäuschung und einer Prise Wut in den Mülleimer gekratzt. Erschöpft setzt man sich auf die Couch, denkt an den bevorstehenden Abend und seufzt still: „Hoffentlich wird alles perfekt.“
So ist es nun einmal, wenn einem etwas wichtig ist. Und für die Menschen die man liebt, ist das Beste schließlich nur gerade so gut genug. Man wünscht sich, dass es ein besonders schönes Fest wird. Dass allen das Essen schmeckt, die Geschenke Freude machen und man viel Zeit mit seiner Familie verbringen kann. Man wünscht sich schließlich, dass alle glücklich sind. Alles Top! Alles sauber! Alles schön. Eben… alles perfekt.
Folgen wir der biblischen Erzählung der Weihnachtsgeschichte geht eigentlich alles in die Hose. Maria ist schwanger. Hochschwanger. Und gerade jetzt, so überliefert der Evangelist Lukas, haben alle ihren Geburtsort aufzusuchen, um sich in Steuerlisten einzutragen. Ein bürokratischer Supergau. Kann man das noch irgendwie toppen? Naja… wenn man keinen Platz zum Schlafen hätte. Und so geschah es laut Lukas, „weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Von einem Stall ist in diesem Evangelium zumindest nichts zu lesen. Aber von der Krippe, ein größerer Fressnapf für größere Tiere, in der man den kleinen Jungen gelegt hat. Wie muss das wohl sein als schwangere Frau an einem fremdem Ort zu sein? Es war ja die Heimat von ihrem Verlobten. Wie muss das wohl sein, kurz von der Geburt des eigenen Kindes keinen Ort zum Schlafen zu haben? Keine Privatsphäre. Kein Dach. Eigentlich das Gegenteil von Perfekt. Alles schief gelaufen, alles ermüdend und kräftezehrend. Und doch! Das Kind ist geboren.
Da schauen Maria und Josef ihr Kind an. Da kommen die Hirten und erzählen irgendwas von einem
Engel, der meinte, dass der Retter in einer Krippe in Windeln liegt. Maria hört zu, bewahrt es im Herzen und gibt ihm den Namen Jesus. Weihnachten ist schon merkwürdig. Da macht man eine halbe Weltreise um unter prekären Verhältnissen ein Kind zur Welt zu bringen und eigentlich ist die Situation kaum auszuhalten. Aber wenn man sein Kind anschaut, dann kann man vergessen, wo man sich befindet. Man vergisst die Strapazen der Reise. Nichts ist perfekt aber irgendwie ist es gut.
Zumindest für den Augenblick.
Es klingelt. Haben wir schon 19 Uhr? Die Gäste sind da! Oh nein… der Tisch ist nicht gedeckt, die Gästebetten nicht gemacht und da stehen sie. „Wir haben Plätzchen dabei!“ heißt es an der Haustür.
Die Küche stinkt noch immer nach einer Kohlenstoffmanufaktur. Vom Lüften ist die Wohnung kalt. Und ja – es ist nicht perfekt. Aber dann überzieht man die Matratzen während die Gäste den Tisch decken und die Wohnung wird wärmer mit jedem Gast, der sie betritt. Es ist nichts perfekt aber irgendwie schön. Es entspricht keinem Ideal aber es ist herzlich. Und manchmal brauchen wir vielleicht einen kleinen Dämpfer um uns von unserem Idealismus zu befreien. Man tut was man kann – und das muss reichen. Ab einem gewissen Punkt, macht unsere Anstrengung nichts mehr besser. Da angekommen, kann man in die Gesichter am Tisch schauen und sich freuen. Da schaut man wie Maria. Nur schaut man eben in die frohe Runde aus Geschwistern, Eltern, Kinder und Großeltern. Und da hat die Herzlichkeit über die Perfektion gesiegt. Ist das nicht eine frohe Botschaft?

Ein Beitrag von Simon Hagenmaier